


Die Australier weisen gerne darauf hin, dass ihre Bevökerung einzeln und von den allerfeinsten Richtern Britanniens ausgesucht wurde.
Zu ihrem ewigen Verdruss brachte etwa um 1850 ein Aufseher der Sträflingskolonie ein halbes Dutzend Kaninchen aus England mit. Die Tierchen vermehrten sich ganz flott, denn auf diesem Kontinent gab es und gibt es bis heute keinen Räuber, der auf Kaninchen einen Appetit entwickelt hätte, so dass er studiert hätte, wie man ihm nachstellt.
Kein Wunder, dass hundert Jahre später bereits 500 Millionen Karnickel durch Vertilgung des Wurzelwerks verheerende Erosionsschäden verursachten, den Farmern die Ernte und den Schafen die Nahrung raubten. Die Kaninchen waren zur nationalen Katastrophe geworden.
Mit metertief im Erdreich versenkten Zäunen, mit Jagdprämien und Gift war den Kuscheltierchen nicht beizukommen. In den 1950ern wurde schließlich der Myxoma-Virus als Waffe gegen sie eingesetzt. Daraufhin verendeten im Laufe der Jahre von 100 Kaninchen 99, verreckten wäre ein genaueres Wort. Ein voller Erfolg, wenn man so will. Jedoch bildete das überlebende Prozent der Tiere Antikörper und explodierte, genetisch frisch gestärkt, binnen Kürze wieder auf eine Population von 400 Millionen.
Frederic Vester, der kürzlich verstorbene Biochemiker und Vordenker, hat immer wieder gewarnt, dass kurzsichtige Eingriffe in komplexe Systeme unabsehbare Folgen hätten.
Wissen hat nicht viele Dummheiten verhindert. Den Systemen ist es jedoch egal, ob der Täter gedankenlos, systematisch, engstirnig, kriminell handelt - sie reagieren systematisch, humorlos, zwanghaft, und überraschend. Woraus es etwas zu lernen gäbe ...
Die Australier sind ihre Karnickel nämlich immer noch nicht los, für ihre Brutalo-Masche haben sie sich aber neue Probleme eingefangen, bspw. die Gefahr, dass die Kampfviren auf nützliche Tiere überspringen und nun diese ausrotten könnten.
Man kriegt die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurück, die Kaninchen nach England, den Virus ins Labor. Und genau so werden genmanipulierte Pflanzen die natürliche Flora unterwandern - was denn sonst? - das lässt sich nicht verhindern, und das weiß auch jeder.
Es kann ja sein, nachher war alles halb so schlimm, die Aufregung umsonst, die genmanipulierten Segensbringer gegen den Welthunger schaden nichts. Es kann aber auch sein, das wird ein Kaninchenproblem, eine Myxomatose der Gesellschaft: Einmal auf der Welt, verkrümelt sich das Problem nicht mehr.
So gesehen, wäre so etwas wie ein kleines Zögern sympathisch, so ein Innehalten: "Sind wir wirklich sicher, dass wir das so wollen?" Nee, die Amis sind so ungeduldig, wie immer: Erst mal rein ins Problem, dann finden wir eine weitere technische Lösung, wie man das Problem ... durch ein neues ersetzt. Die Amerikaner nennen uns hysterisch und verklagen Europa bei der WTO, wegen unserer Verstöße gegen den Freihandel.
Aber darum werde sich Brüssel schon kümmern, meint der Mensch, dort wisse man doch: Die Mehrheit mag keine genmanipulierten Lebensmittel.
Wenn sich die Mehrheit mal nicht wundert! Brüssel wird mit den Amerikanern einen Vergleich aushandeln: Gebt bei den Stahlsubventionen nach, und wir bei den naturnahen Lebensmitteln. Hinterher sind wir dann alle nur ein bisserl schwanger.
Und jeder kriegt ein Kuscheltierchen, zum Daumenlutschen.
PS: Aussies wird ausgesprochen wie Ossis, mit einem doppelten sächsischen 's', ganz weich. Übrigens bekömmlicher zu lesen als die o.g. Quelle ist diese aus Österreich: ORF.
(Dieser Beitrag stand in der eMail-Ausgabe des Sonnenflecks vom November 2003)