


Sie erinnern sich an Pisa, die Schieflage beim Lesen und Schreiben? Dazu fiel uns eine Entdeckung auf, deren Bedeutung vor acht Jahren, als sie gemacht wurde, noch nicht so ins Auge stach. Da stand uns Pisa noch bevor.
Damals untersuchte Dieter Zimmer, was in den europäischen Sprachen aus den hundert gebräuchlichsten Computerbegriffen wurde. An der Spitze seiner Rangliste lag Finnisch mit 93 von 100 Fachbegriffen, die aus dem Englischen in die Muttersprache übersetzt wurden, an vorletzter Stelle Deutschland mit 57 Begriffen°.
Finnisch ist eine Sprache, die mit vielen Silben Dinge abtackert, denen eine englische Einsilbigkeit viel flotter beikommen würde. Ohjelmistoliiketoiminnan toimintaedellytysten parantaminen kann doch weder einem tüchtigen Denken noch dem erfolgreichen Geschäft in Sachen Software (ohjelmisto) viel zunütze sein. Sollte man meinen. Wenn man Englisch für die Sprache der Weltmeister hält.
Die Sperrigkeit ihrer Sprache hat den Drang der Finnen zur Einfinnung englischer Begriffe aber nicht verhindert. Einen solchen Sprachpurismus verhöhnen wir hierzulande als Deutschthümelei und kommen uns dabei ganz zeitgemäß und fortschrittlich vor. Daher die Frage: Inwieweit hat diese Aktion den Finnen geschadet?
Seither hat uns Pisa auf dem falschen Fuß erwischt, da lag Finnland beim Lesen und Schreiben weit vorne. In der Informationstechnik verdanken wir den Finnen Bedeutendes. Den finnischen Beitrag zur Mobiltelefonie kennen Finnlandfahrer, diese Finnen sind uns eine Generation voraus.
Es liegt einem der Verdacht auf der Zunge, dass die Sache ihnen sogar genützt hätte. Warum wohl?
Vielleicht, weil wir in der Muttersprache genauer denken, beweglicher, schöpferischer sind als in der Fremdsprache?
Uns spornt diese Sache zum kritischen Lesen unserer Texte an, mit denen wir Kunden und Mitarbeiter plagen. Wir werden im Laufe der Zeit sämtliche Begriffe ausmerzen, die nicht restlos einleuchten. Ein bis zwei Dutzend davon finden Sie beim Stöbern in unserem Netzauftritt. Bevor wir sie merzen, haben wir uns gedacht, das macht gemeinsam mit den Kunden mehr Spaß. Sie sollen auch etwas davon haben - Ruhm und Ehre, sowie ein kleines Geschenk zu unserem Sonnenerntefest.
Sie müssen nur rechtzeitig Ihren Gegenvorschlag einreichen. Siehe hierzu die Einladung zum Sonnenerntefest da steht auch das Nötige über das Spiel "Begriffe stutzen". (ob)
° Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. ISBN: 3-499-60525-2
So habe ich die Finnen noch gar nicht gesehen. Jedenfalls spürt man beim Lesen Ihrer Web-Seiten, dass Sie das Sprach-Mittel virtuos beherrschen. Ihre Texte lesen sich angenehm leicht. Und informativ sind Sie auch noch.
Hmm hmm, ich spreche selbst Finnisch als zweite angelernte Sprach fließend (ich studiere auf finnisch) und interessiere mich enorm für Sprachen.
Dass die Sprache hier als "sperrig" bezeichnet wird, finde ich sehr voreilig geschlossen. Was auf jeden Fall stimmt, ist, dass die Länge von Fachwörtern sehr überwältigend sein kann.
Wenn ich einmal den obigen Beispielbegriff "Ohjelmistoliiketoiminnan toimintaedellytysten parantaminen" wörtlich und korrekt übersetzte, was im Originaltext leider versäumt wurde, so heißt er auf deutsch: "das Verbessern (parantaminen) der Vorkenntnisse bei Aktivitäten (toimintaedellytysten) der Softwareübermittlungsaktivität (ohjelmistoliiketoiminnan)".
[Anmerkung: Das Wort toiminta (= Aktivität) kommt zwei Mal vor... einmal mehr als nötig. Falsch ist die Phrase allerdings nicht, nicht einmal Schreibfehler!]
Klingt das wirklich so viel besser? Ist das kürzer gesagt? Nur weil die Wörter länger sind, sind sie noch lange nicht sperriger. So ist im Finnischen der Kasus eines Wortes schon im Wort "enthalten" - und zwar in Form von Suffixen. Das sind Anhänge an das Ende des Wortes. Beispiel:
Autossa = in dem Auto
Kürzer auf Finnisch gesagt, was?
In dem Sinne halte ich nicht viel von Verallgemeinerungen, diese Sprache sei umständlich. Mit Satzfetzen ohne Übersetzung als Vergleich ist schon gar nichts anzufangen...
Grüße aus Helsinki, Stefan
Lieber Herr Richter,
Sie haben recht. Sperrig kommt sie dem Ausländer vor, der Finnisch nicht beherrscht. Dazu meint der Laie, allen Grund zu haben, wenn für die Ziffern Eins bis Neun mehrsilbige Wörter benötigt werden.
Tatsächlich ist sie nicht sperrig, nur anders gebaut als Deutsch, und selbst wenn sie es wäre: dem Finnen, der damit aufgewachsen ist, käme sie sowieso nur als das vor, was sie ist, seine Muttersprache. Und damit geht er vorbildlich um.
Also, besten Dank für Ihren Hinweis!