


Einen Leser störte unsere Auffassung von Design und Ästhetik, nachzulesen bei den Kommentaren, hier!.
Als wir noch in benachbarten Krefelder Instituten studierten - er bei den bunten Diseinern, ich bei den flanellenen Inscheniören - hat mich Welfhard Kraiker von der Auffassung befreit, Design dürfe mit Styling verwechselt werden. Auch das Wort Gestaltung schien etwas eng für die vielen Bedingungen, denen ein gutes Design genügen müsse. Was mit Design gemeint ist, entspricht dem Sinn des Konstruierens und hat nicht zufällig, damit es mit dem Ingenieurskrams nicht verwechselt wird, einen anderen Namen, also Design, denn es war schon vor Jahrzehnten schick, Dinge auf Englisch kund zu tun, die auf Deutsch viel schneller entlarvt würden. Design wird landläufig mit dem Gestalten äußerer Formen gleichgesetzt; für diesen Teil des Designs aber gibt es bereits das - ebenfalls englische - Wort Styling.
Na ja, wenn man schon aus dem Englischen Wörter entlehnt, sollte man wenigstens wissen, was sie dort bedeuten. Man könnte sonst mit roten Ohren dasitzen. Beim Verändern eines Leiterplattendesigns, beispielsweise, geht es nur um ihr Innenleben, nicht ihr Aussehen.
Die Bedingungen für ein gutes Design, dozierte Welfhard - das Ding soll wirtschaftlich zu machen und zu bezahlen sein, es soll funktionieren und ohne viel Erläuterung tun, wozu es da ist, und obendrein sollte man nicht wegschauen müssen, wenn man es wahrnimmt - also ein gutes Design verlangt nach dem Konstrukteur, dem offenbar mehr abverlangt wird als wir Ingenieure im Studium mitbekamen.
Was dabei herauskommt, wird dem Betrachter, dem Kunden gefallen, sofern es seiner Wahrnehmung entgegen kommt, wie so ein Objekt auszusehen hätte. Das sieht jeder anders und das ist sein gutes Recht. So nehmen die meisten unserer Kunden das Solardach als eine geschickte Lösung wahr, auch wenn dem Auge das schiefergedeckte, nackte Dach eigentlich besser gefiele (Solardächer sind noch ein bisserl ungewohnt). Aber wer seine Solaranlage schätzt, findet sie so unhübsch sowieso nicht, außerdem geben wir uns wahrhaftig Mühe, dass das Dach nicht aussieht wie ein Gartenschlauch im Gemüse.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Insofern gilt auch hier Kraikers Hinweis, dass sich Ästhetik von Aisthesis herleite, und das heißt nun mal Wahrnehmung. Daran zu erinnern, auf die Gefahr hin, dass wir die Begriffe gegen den Strich bürsten, liegt uns am Herzen. Schon, um klarzustellen, dass es etwas Unästhetisches demzufolge kaum geben kann, wie übrigens auch keine Unkosten.
Aber das wäre ein anderes Thema. Sprache, wenn sie verhunzt wird, darf man nachplappern, muss man aber nicht. "Man nehme den Gedanken beim Wort, dann kommt er schon", sagte Karl Kraus.
(ob)
Welfhard Kraiker gründete das Kunstmagazin ART und setzte als Art Director des ZEIT-Magazins in den 90er Jahren neue Maßstäbe in der Gestaltung von Zeitungen. Studenten kennen ihn als Professor für Kommunikationsdesign an der
HAW Hamburg.
Hier wird es noch einmal deutlich gemacht:
Engineering design process in der Wikipedia.
Der Begriff 'Engineering Design' macht das, was im 'Design' steckt, vielleicht fuer den einen oder anderen Pseudoanglophilen etwas verstaendlicher.
Danke, Herr Baer!
Auf Anhieb finde ich dazu keine deutsche Übersetzung, aber vielleicht kennt ein anderer Leser weitere Quellen?
Ich finde es überraschend und äußerst erfreulich, dass man sich an diesem Ort mit Design befasst und ein eigener Standpunkt zu dem Thema entwickelt wird. Was Design ist und kann wird von den wenigsten KMU registriert und zum eigenen Wettbewerbsvorteil genutzt. Vermutlich wird zu wenig von den Vorteilen strategisch angewandten Designs berichtet, es am Ende gar nicht als solches erkannt und als seltsame Verschrobenheit abgetan.
In letzter Konsequenz bedeutet Design für mich "proaktives Gestalten" - und das nicht nur auf meine Firma bezogen, sondern auf alle Lebenslagen und -bereiche. Also egal ob ich ein Haus baue, mein Studium oder einen Urlaub plane oder eine Entscheidung in meiner Firma treffe - es ist immer Gestaltung. Es ist immer die Überlegung: wie sieht der angestrebte Zustand aus und welche Wirkung hat dieser auf mich und auf das Umsystem.
Nun riecht das eher nach Moral als nach dem Chic, der dem Design sonst anhaftet. Die Kunst ist aber beides nicht zu trennen. Umfassend wird dieses Thema aus dem Bereich Designmanagement in einem Konferenzbeitrag für die IASDR 2007 von Acklin und Hugentobler diskutiert (http://www.sd.polyu.edu.hk/iasdr/proceeding/html/sch_day4.htm). Der sehr bemerkenswerte Beitrag heißt "Design Management for SME: Development of a guide for the use of design and design management within corporate R&D and decision-making processes"
und es geht im Kern um den Einsatz von Design und Designmanagement im Forschungs-, Entwicklungs- und Entscheidungsprozess eines Unternehmens.
In einer Grafik stellen die Schweizer Autoren eine 4-stufige Treppe dar, die den "Designreifegrad" eines Unternehmens angibt:
* Auf der untersten Stufe stehen jene Unternehmen, die Design überhaupt nicht nutzen.
* Eine Stufe darüber die Unternehmen, die Design nur als "styling" begreifen und fertig entwickelte Produkte mit einer schönen Hülle versehen lassen.
* Auf der nächsten Stufe wird das Design schon in den Entwicklungsprozess integriert. Das heißt Menschen mit Gestaltungskompetenz werden zum mitdenken und mitentwickeln von Produkten herangezogen.
* Auf der vierten Stufe dieser Treppe sind nun jene Unternehmen angesiedelt, deren gesamte Unternehmensstrategie im Design wurzelt. Solche Unternehmen sind sich darüber bewusst, dass ihre Produkte und Dienstleistungen die Umwelt anderer Menschen ausmachen. Sie wissen um die damit einhergehende Verantwortung und Absatzmöglichkeiten und pflegen und berücksichtigen diese vor allen anderen Entscheidungsparametern. Sie sind offen und kreativ bei der Lösung von Nutzerproblemen und -wünschen, die vielleicht sogar erst in der Zukunft auftreten werden. Diese Unternehmen haben eine klare Vision von sich selbst und der durch ihr Wirken am Markt veränderten Welt. Und sie haben immer eine äußerst dynamische Gruppe von Mitdenkern, Kunden und Anwendern um sich geschart, die diese Vision teilen und vorantreiben.
Solche Unternehmen leben Design und können Design als Wertschöpfungsfaktor oft nur schwer in Worte oder Zahlen fassen. Das Design läßt sich einfach nicht vom Geschäftszweck trennen. Man könnte auch sagen: durch proaktive Gestaltung entstehen neue Produkte die neue Geschäftsfelder eröffnen. Damit bildet sich organisch und ganz automatisch ein (neuer) Geschäftszweck aus, der sich zudem ständig zeitgemäß erneuert und aktualisiert. Das kann Design wirklich - vorausgesetzt man hat den Mut etwas nicht bis ins letzte Berechenbares zu tun..
Liebe Frau Münch,
danke für Ihren Kommentar. Sie sprechen uns aus dem Herzen, aber lassen Sie mich eines hinzufügen: Es kommt auch auf die Designer an. Zweierlei wäre ganz nützlich:
1. Dass Designer Technik wahrnehmen, die des Designs bedarf. Solarthermie wird bspw. von Architekten nicht wahrgenommen, bestenfalls mit Fotovoltaik verwechselt.
2. Dass Designer auf Ingenieure zugehen. Da sie kommunikativ besser geschult sind oder sein sollten, wäre es weise, wenn sie den ersten Schritt unternähmen.
Ich wünsche mir, dass Designer selber den Unterschied zwischen Styling und Design immer wieder betonen. Uns geht es so mit der Fotovoltaik: wir müssen pausenlos daran erinnern, dass sie nicht dasselbe wie Solarthermie ist.