


Für die einen war es eine Sternstunde, für die anderen ein Duell. Sahen die einen das Gemeinsame, starrten die anderen auf den Graben zwischen ihrem exotischen Gast und der eigenen Position. Hier sind einige Gedanken aus der Begegnung mit Michael Braungart in der alten Mensa der TU Bergakademie Freiberg am 21. Oktober 2009.
Politiker loben nach der Verhandlung ihren Meinungsaustausch: Herr Westerwelle vertritt künftig die Meinung von Frau Kühnast, und umgekehrt. Das bedeutet im Klartext: Keiner hat einen Finger breit nachgegeben. Anders in der Wissenschaft, da lernt man voneinander, und wenn es auch keiner offen zugibt: Am Mittwoch Abend (Braungart spricht in Freiberg) hatte man zum Schluss das Empfinden: Hier wurde, wenn auch nur für ein paar Atemzüge, Verständnis füreinander entfaltet.
Michael Braungart fand aufgeschlossene Zuhörer in der Alten Mensa der TU Bergakademie Freiberg (Bild: Luckanus)
Fähig sowohl zum Zuhören ... (Bild: Waitschies)
... als auch zum konzentrierten Monolog (Bild: Waitschies)
Dabei war Streit zu erwarten. In der Presse gab es vorab noch eilige Stellungnahmen lesen, die wie ein Bollwerk gegen reißerisches Gedankengut aussahen. Ein Beitrag begann mit: "Ein selbst ernannter Umweltretter nimmt jetzt Kurs auf Freiberg". Immerhin gilt die TU Bergakademie Freiberg als die Ressourcenuniversität; ein selbst gewähltes, ihrer Tradition verpflichtetes Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und öffentliche Gelder. Würde ein streitbarer Braungart die sorgfältig gezogenen Kreise stören?
Sicher spitzt Braungart manches zu, damit es überhaupt gehört wird. Aber in Freiberg tat er es mit Einfühlungsvermögen. Er kennt die Spurrillen im eingefahrenen Wissenschaftsbetrieb. Er möchte, dass wir die Welt nicht wie Miesepeter, sondern mit Zuversicht betrachten. Denn aus einem verkniffenen Arsch fährt kein fröhlicher Furz (Martin Luther, Sachse). Wer sich an der Natur erfreut und von ihr lernen möchte, dem kommen pfiffige Ideen für ihren sinnvollen Schutz. Mit der Büßerhaltung, die wir in Deutschland beim Umweltschutz einnehmen, haben wir die Führungsposition bei originellen Problemlösungen bereits verloren.
In den USA wird man für Lösungen bezahlt, in Deutschland für Probleme - dafür gibt es Fördermittel. Deshalb sind unsere Techniken meist end of pipe - sie lösen Probleme, die durch vorbeugende (front of pipe) Ansätze gar nicht erst entstünden. Indem wir unter Umweltschutz Ökoeffizienz verstehen - das Schädliche weiter tun, aber weniger davon -, verschieben wir den Kollaps nur auf später. Braungart appeliert an die Phantasie von mündigen Bürgern, die den Einklang mit der Natur suchen. Mit einer Natur, die ihre Ressourcen durchaus verschwendet, aber auf intelligente Weise: Weil sie spart, wo es sein muss und sie verschwendet, wo es geht. Auch wenn dieses Modell nicht überall passt, es bietet - bei gleichem Risiko - eine bessere Chance auf rentable Verwirklichung in Märkten mit Menschen, die keine Lust haben, mit schlechtem Gewissen die Weltmeister der Mülltrennung zu sein.
Gemischte Reaktionen eines dankbaren Publikums, vorne rechts Steffen Flath; ganz rechts reservierte Plätze für Prominente, die es vorzogen, in der anonymen Mitte Platz zu nehmen (Bild: Luckanus)
Nicht rentabel sind Lösungen, die auf dem Bewusstsein beruhen, aus dem sie entstanden sind. Das sagte ein Deutscher in den USA (Albert Einstein, Auswanderer). Ein Beispiel dafür ist das Verbot, Blei in der Elektronikproduktion einzusetzen: Als Ersatzstoff für Lötverbindungen wird seither unter anderem Wismut verwendet. Es kommt in der Natur fast nur zusammen mit Blei vor; mit jeder Tonne Wismut werden zugleich zehn Tonnen Blei gefördert. Die landen dann, da sie nur noch als günstige Rohstoffe zu vermarkten sind ... in Afrika. Man möchte sich wünschen, dass noch mehr Wissenschaftler wie Braungart, Professor an der Erasmus-Universität in Rotterdam, zu spitzen Worten greifen, um derlei Unfug aufzuspießen. So empfanden es jedenfalls die jungen Leute, die uns im Saal auffielen.
Mit dem Vorwurf, er sei ein Visionär, stellt man Querdenker wie Braungart in die Ecke der vielleicht liebenswerten, aber nicht ernst zu nehmenden Exoten. So verfehlt man das wesentliche: Braungarts Ansatz verändert nicht die Wirklichkeit, er verändert den Blickwinkel auf die Wirklichkeit. Und das tut Not. Stille herrschte im Saal, als Braungart auf das Kernargument einging, das für Beschränkung und Verzicht herhalten muss: Wegen der Überbevölkerung sei die ökologische Tragfähigkeit der Erde begrenzt, daher sei auch Geburtenkontrolle erforderlich. Michael Braungart (Verfahrenstechniker, nicht Philosoph) erwiderte: "Dann müssten Sie dem Kind sagen: Du bist nicht willkommen." Wenn wir Angst verbreiten, reagieren die Menschen mit Unsicherheit, mit Gier und Kampf. Und mit Geburten, etwa in Afrika, wo nur Kinder die Aussicht auf Versorgung zum Lebensabend bieten. Die Deutschen, die Malaysier, viele Völker schrumpfen, ohne Zwang. Vielleicht sollten wir lieber dafür sorgen, dass es anderen so gut geht wie uns.
Kein Verständnisproblem, aber den Willen zur Tat zeigte Gene Zinngrebe von der Prisma Junior Consulting, der studentischen Unternehmensberatung an der TU, die den Abend mitorganisierte (Bild: Luckanus)
"Wenn du ein Schiff bauen willst", sagte Antoine de Saint-Exupéry, "beginne nicht mit Holz sammeln, Bretter schneiden und Arbeit zuteilen, sondern wecke in den Leuten die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!" Etwas davon ist in Freiberg gelungen, so lautete die Stimmung unter den jungen Leuten im Saal. Sie hatten mit Braungarts Thesen keine Verständnisprobleme. Er meint, wir sollten nicht sofort mit dem Grübeln beginnen, welche Technik am besten passt, sondern erst fragen, wohin wir wollen. Sein Ansatz reizt die Phantasie und ist schon deshalb wert, geprüft zu werden: Wechseln wir den Ausgangspunkt vom Verbrauchen zum Gebrauchen, so werden wir zeitgemäße Produkte entwickeln. Die Studenten von der Prisma Junior Consulting (Mitorganisatoren des Abends) greifen nicht nur Braungarts Anregung auf, dass eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe ein gemeinsames Projekt Von der Wiege zur Wiege entwickelt. Diese studentischen Unternehmensberater haben bereits cradle to cradle-Beratung in ihr Angebot aufgenommen. Es ist abzusehen: Ingenieure, Kommunikatoren und viele andere werden für solche Initiativen überall benötigt, nicht nur in Freiberg.
Wo steht Soli fer in dieser Sache? Wir arbeiten an einem Haus ohne Anschluss zum Stromnetz und selbstverständlich ohne fossile Brennstoffe. Es wird nebenbei die tägliche Aufladung eines eigenen Elektroautos leisten. Es wird neue Baustoffe enthalten, von den Ziegeln über den Putz bis zum Farbanstrich und es wird der Gesundheit der Hausbewohner dienen. So werden die Tapeten die Raumluft reinigen und beschichtete Treppenhandläufe die Bewohner mit Nährstoffen versorgen. Und das Haus wird erschwinglich sein. Wie Michael Braungart erlauben wir uns ein Quentchen Visionäres und neun Quentchen Praktisches.
In Kürze bieten wir zum Herunterladen eine geschnittene Fassung des Films, der an dem Abend gedreht wurde. Beispiele für die Arbeit Braungarts finden Sie bei seiner EPEA Internationale Umweltforschung GmbH. Und aktuell finden Sie Parallelen zu ähnlichem Gedankengut und hier eine Sprachglosse am Rande zur Veranstaltung in der alten Mensa.